Unser Land steht zusammen in der Stunde der Trauer
Wir gedenken heute der Opfer eines furchtbaren Verbrechens. Wir trauern um

Jacqueline Hahn,
Ibrahim Halilaj,
Franz Josef Just,
Stefanie Tanja Kleisch,
Michaela Köhler,
Selina Marx,
Nina Denise Mayer,
Viktorija Minasenko,
Nicole Elisabeth Nalepa,
Denis Puljic,
Chantal Schill,
Jana Natascha Schober,
Sabrina Schüle,
Kristina Strobel,
Sigurt Peter Gustav Wilk.

Wir trauern um acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen der
Albertville-Realschule in Winnenden. Wir trauern um drei Männer, die der Täter
auf seiner Flucht wahllos tötete, ehe er sich selbst das Leben nahm.

Wir trauern mit allen Eltern, die Kinder verloren haben, mit den Freundinnen und
Freunden der Getöteten, mit den Familien der ermordeten Erwachsenen.

"Nichts ist mehr, wie es war." Dieser verzweifelte Satz war in den letzten Tagen
oft zu hören: in Winnenden und Wendlingen, in Weiler zum Stein und in vielen
anderen Orten überall im Land und darüber hinaus. Ein junger Mensch hat 15
Mitmenschen und dann sich selbst getötet. Er hat gemordet und er hat viele an
Leib und Seele verletzt. Er hat Familien in Trauer und Verzweiflung gestürzt auch
seine eigene. Auch sie hat ein Kind verloren. Auch für sie ist eine Welt
zusammengebrochen.

Wir haben die schrecklichen Bilder vom vorletzten Mittwoch noch vor Augen: Die
Bilder von Eltern, die voller Angst auf Nachricht von ihren Kindern warten. Die
Bilder von jungen Menschen und von Erwachsenen, die sich weinend in den Armen
liegen. Das Bild eines Polizeipräsidenten, dem die Stimme versagt. Die Bilder der
Trauernden an der improvisierten Gedenkstätte mit Kerzen, Blumen und Plakaten.

Jedes Kind ist unschuldig geboren. Wenn ein Kind stirbt, dann sterben auch
Hoffnung und Zukunft mit ihm. Deshalb entsetzen uns Berichte über Gewalt gegen
Kinder so sehr. Was aber, wenn Kinder selbst zu Mördern werden?

Uns quälen die immer gleichen Fragen: Wie konnte das geschehen? Wie kann ein
Mensch so etwas tun?

Gab es keine Alarmsignale, keine Zeichen, auf die man hätte reagieren können?

Manche werden sich auch fragen, wie Gott so etwas zulassen kann.

Und viele Angehörige fragen sich: "Wie soll unser Leben nun weitergehen?"

Bundespräsident Johannes Rau hat vor sieben Jahren nach dem Mordanschlag am
Erfurter Gutenberg-Gymnasium gesagt: "Wir sind ratlos und wir spüren, dass
schnelle Erklärungen so wenig helfen wie schnelle Forderungen."

Es ist wahr: Amokläufe wie der in Erfurt, in Emsdetten und jetzt hier in
Winnenden und Wendlingen führen uns auf schmerzliche Weise vor Augen, wie
verletzlich und zerbrechlich unser Leben ist, wie trügerisch unser Gefühl von
Normalität und Sicherheit. Wir spüren, wie uns plötzlich der Boden unter den
Füßen weggezogen wird. Wir suchen Halt: bei Freunden und Angehörigen; bei
Menschen, die das gleiche Schicksal erlitten haben; im Glauben an Gott.

Solche Taten führen uns an die Grenze des Verstehens. Und auch an die Grenze des
Sagbaren, hinter der alles Deuten, Fordern und Erklärenwollen schnell unsäglich
wird.

Ja, wir haben Angst und sind ratlos. Aber solange wir einander halten und helfen
können, sind wir nicht hilflos.

Ja, viele von uns vergehen vor Schmerz. Aber solange wir einander trösten können,
ist unser Leben nicht trostlos.

Ja, wir können keinen Sinn in dieser Tat erkennen. Aber solange es Menschen gibt,
die uns brauchen und auf die wir achten, solange wir eine Aufgabe haben, ist
unser Leben nicht sinnlos.

Wir haben in den letzten Tagen auf schmerzliche Weise gespürt, was wirklich
wichtig ist im Leben.

Wirklich wichtig ist, dass wir spüren, wenn einer verletzt ist und Hilfe braucht.
Dass wir uns unserer eigenen Verletzlichkeit und unserer eigenen Grenzen bewusst
sind.

Wir brauchen den Trost, das Schweigen, das Zuhören und das Einfach-nur-Dasein
unserer Mitmenschen.

Wirklich wichtig ist, dass wir uns umeinander kümmern, dass wir uns gegenseitig
annehmen und dass wir füreinander da sind.

Wir haben großen Respekt vor der Tapferkeit der örtlichen Polizeibeamten, die
hier in Winnenden mit hohem persönlichem Risiko noch Schlimmeres verhindert
haben. Ihr rasches Eingreifen war auch eine Konsequenz aus früheren Amoktaten.

Doch es bleiben Fragen an uns alle: Tun wir genug, um uns und unsere Kinder zu
schützen? Tun wir genug, um gefährdete Menschen vor sich selbst zu schützen? Tun
wir genug für den inneren Frieden bei uns, den Zusammenhalt? Wir haben uns auch
alle selbst zu prüfen, was wir in Zukunft besser machen, welche Lehren wir aus
dieser Tat ziehen müssen.

Zum Beispiel wissen wir doch schon lange, dass in ungezählten Filmen und
Computerspielen extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die
Erniedrigung von Menschen im Vordergrund stehen. Sagt uns nicht der gesunde
Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet? Ich finde
jedenfalls: Dieser Art von "Marktentwicklung" sollte Einhalt geboten werden.

Eltern und Angehörige von Opfern haben mir gesagt: "Wir wollen, dass sich etwas
ändert". Das will ich auch. Das sollten wir alle wollen. Und da ist nicht nur der
Staat gefordert. Es ist auch eine Frage der Selbstachtung, welche Filme ich mir
anschaue, welche Spiele ich spiele, welches Vorbild ich meinen Freunden, meinen
Kindern und Mitmenschen gebe. Zur Selbstachtung gehört es, dass man "Nein" sagt
zu Dingen, die man für schlecht hält auch wenn sie nicht verboten sind. Die
meisten von uns haben ein Gespür für Gut und Böse. Also handeln wir auch danach!
Helfen wir denjenigen, die sich in medialen Scheinwelten verfangen haben und aus
eigener Kraft nicht mehr zurückfinden. Helfen wir auch Eltern, denen ihre Kinder
zu entgleiten drohen.

Und schauen wir auch genau hin, welche Bilder wir uns von unseren Mitmenschen
machen, welche Menschenbilder wir in unserer Umgebung akzeptieren und von welchen
wir uns selbst beeinflussen lassen: Welche Erwartungen haben wir an andere? Wie
schön, klug und kraftvoll muss einer sein, um dazuzugehören? Und wie verloren
muss sich einer fühlen in einer Gesellschaft, die täglich scheinbare "Stars"
produziert und sie morgen schon wieder vergessen hat? Was wird aus denen, die
solchen Bildern nicht entsprechen? Wie schnell fällt einer aus dem Rahmen nur
weil er anders ist, als wir es von ihm erwarten; nur weil wir zu bequem sind, um
nachzudenken und unsere Schablonen zu korrigieren? Einen Menschen so
wahrzunehmen, wie er ist das ist die wichtigste Voraussetzung, um einander
verstehen und annehmen zu können, um einander zu helfen.

Da haben auch die Schulgemeinschaften eine wichtige Aufgabe. Wenn Ihnen viel
gutes Miteinander gelingt und wenn sie dabei unterstützt werden, wenn sie geprägt
sind von Aufmerksamkeit, von gegenseitiger Wertschätzung und Sorge füreinander,
dann macht das junge Menschen stark und hilft, dass niemand zurückbleibt.

Wir wurden in den letzten Tagen Zeugen von sinnloser Gewalt und unermesslichem
Leid. Wir haben aber auch erlebt, wie Menschen füreinander da waren, wie sie sich
gegenseitig stützten und beistanden, wie sie Zeit und Trost füreinander hatten.
Ich danke allen, die geholfen haben und dabei oft bis an ihre eigenen Grenzen
gegangen sind: der Schulleiterin Frau Hahn und ihrem Stellvertreter Herrn
Stetter, den Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern, die während
des Attentats geistesgegenwärtig reagierten und ihre Schüler und Mitschüler
schützten, den freiwilligen Helfern, den Polizisten, Rettungskräften, Ärzten,
Psychologen und Seelsorgern. Und ich danke allen, die in den vergangenen Tagen
füreinander da gewesen sind.

Ich danke den Menschen aus Erfurt, bei denen der Amoklauf am 11. März
schreckliche Erinnerungen geweckt hat und die nun ihre Hilfe bei der Bewältigung
des Unglücks angeboten haben. Ich danke den vielen Menschen aus dem In- und
Ausland, die in Briefen, E-Mails und im Internet ihr Mitgefühl und ihre
Solidarität ausgedrückt haben. Viele Beileidsbriefe kamen aus den östlichen
Bundesländern. Es ist gut zu wissen, dass unser Land in dieser Stunde der Trauer
zusammensteht und dass Menschen überall auf der Welt Teil dieser Trauergemeinde
sind.

Unsere Gedanken sind bei den Verletzten und bei denjenigen, die nicht die Kraft
gefunden haben, heute bei uns zu sein.

Liebe Angehörige, meine Frau und ich, wir wünschen Ihnen Kraft und Zuversicht.
Wir wünschen Ihnen, dass Ihr Leben wieder einen Rahmen findet einen Rahmen, der
ihnen hilft, weiter zu leben, und in dem auch die Toten und Verlorenen, der
Schmerz und die Trauer ihren Platz finden. Wir wünschen Ihnen die Zeit, die Sie
brauchen, und Menschen, die in echter Anteilnahme bei Ihnen sind.

Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein.

Presse- und Informationsamt der
Bundesregierung
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